Selbstverständlich musste auch Maxim Van Gils erstmal alles sacken lassen. Tief im Finale des Gravel-Klassikers Jaén Paraiso, genauer gesagt 150 Meter vor der Ziellinie, war er folgenschwer gestürzt. In einem Sprint einer Dreiergruppe um das Podium geriet er unverschuldet in die Bande. Beim Crash zog er sich nicht nur eine Hüftfraktur zu, sondern obendrein noch eine Schulterfraktur, die eine Operation erfordert.
Nur eine Nacht später war zumindest das ebenfalls angeschlagene Gemüt schon wieder auf dem Weg der Besserung. "Ich unterstütze euch von zu Hause, genießt das schönste Rennen der Saison", schrieb er seinen Teamkameraden in einer WhatsApp-Gruppe. Da saß ihm der Schalk bereits wieder im Nacken, denn damit meinte er weder die Tour de France oder einen bedeutenden Klassiker, sondern die Ruta del Sol, die er eigentlich an der Seite von Aleksandr Vlasov und Co. hätte bestreiten sollen.
"Für mich ist es ein besonderes Rennen", sagt Maxim augenzwinkernd. "Ich habe eine Art Hassliebe zu diesem Rennen entwickelt. Als ich dort zum ersten Mal war, wurde es aufgrund von Bauernprotesten fast komplett abgesagt. Ich wollte schon nach Hause, aber dann fand doch noch irgendwie ein Zeitfahren statt. Und das habe ich dann gewonnen. Und im vergangenen Jahr war ich wieder hier und habe im Sprint die 1. Etappe gegen Tim Wellens gewonnen. Das war gleich in meinem zweiten Rennen für Red Bull - BORA - hansgrohe und einer der wichtigsten Siege in meiner bisherigen Karriere."
Auch dieses Mal hätte die Form wieder gepasst, ist sich Maxim sicher. Die Chance, das unter Beweis zu stellen, bleibt ihm aber verwehrt. Im Interview spricht er über den Unfall, seinen Zustand und das, was in den kommenden Wochen auf ihn wartet.
Maxim, wie fühlst du dich jetzt, ein paar Tage nach deinem Unfall?
Maxim Van Gils: Natürlich ist es nicht das beste Gefühl meines Lebens, aber es geht schon. Die Sache ist, wie sie ist. Ich bin nicht hoffnungslos oder tottraurig und hoffe, dass der Heilungsprozess so schnell wie möglich voranschreitet.
Im Krankenhaus in Herentals wurde nun neben der schon bekannten Hüftfraktur auch noch eine Schulterfraktur diagnostiziert ...
Maxim Van Gils: In einem Monat machen wir neue Scans und Bilder und schauen, wie sich alles entwickelt. Läuft alles gut, kann ich in einem Monat vielleicht schon wieder auf die Rolle. Ja, es war schon ein ziemlich heftiger Crash.
Kannst du beschreiben, wie es zum Sturz gekommen ist?
Maxim Van Gils: Als wir zu Dritt auf die Zielgerade kamen, wollte wirklich keiner den ersten Schritt machen weil es ein bisschen Rückenwind gab und es auch leicht abschüssig war. Man brauchte also wirklich den perfekten Moment. Dann hat es Pidcock auf der linken Seite probiert. Ich habe reagiert. Christen kam dann von rechts und vielleicht ein bisschen näher als es notwendig gewesen wäre. Aber so ist das halt im Radsport. So etwas passiert. Vor allem, wenn man vorher schon vier Stunden auf Schotter unterwegs war.
Jeder wollte so schnell wie möglich zur Ziellinie und die Bande kam immer näher. In dem Moment bekam ich einen kleinen Schlag von Christen an meinen Lenker. Ich bin in die Bande gekippt, dabei ist wahrscheinlich mein Rad gebrochen und dann bin ich über den Lenker abgeflogen.
Das war natürlich extrem enttäuscht. Ich erinnere mich noch, dass ich danach zehn Minuten lang am Auto des Rennarztes wartete, weil die Ärzte mit denen vom Team die Situation besprachen. Ich dachte in dem Moment daran, dass ich die nächsten Tage wahrscheinlich etwas steif sein werde, aber trotzdem eine gute Form Richtung Strade, Tirreno und Sanremo aufbauen kann. Und dann kam jemand vom Team zu mir und sagte, die Hüfte sei gebrochen ...
Wie bist du mit dieser Nachricht umgegangen?
Maxim Van Gils: Die Uhren hörten für einen Moment auf, zu ticken. Aber die Situation ließ sich auch nicht mehr ändern. Es macht auch keinen Sinn, sauer auf Christen zu sein. Er will genauso Rennen gewinnen wie ich, er war sehr motiviert. Ich kenne das Gefühl gut, auf die Zielgerade zu kommen und um das Podium zu kämpfen. Dafür trainieren wir jeden Tag.
Hat er sich bei dir gemeldet?
Maxim Van Gils: Am Abend nach dem Zwischenfall hat er mir über die Sozialen Medien eine Nachricht geschickt. Ich habe ihm geantwortet, damit war es für mich erledigt. Ich denke, er fühlt sich auch schlecht und wollte nicht, dass so etwas passiert.
Eigentlich hättest du gerade in Andalusien sein sollen. Jetzt sitzt du in Belgien und musst zuschauen, anstatt selbst aktiv zu sein. Kannst du dir deine Kameraden im TV ansehen, oder schaltest du lieber ab?
Maxim Van Gils: Natürlich schaue ich mir an, was Remco und Co. bei der UAE Tour machen. Und wenn es nicht hinter der Paywall ist, gucke ich auch Andalusien. (lacht) Ich liebe den Sport auch jetzt.
Wie sehen die nächsten Monate jetzt für dich aus?
Maxim Van Gils: Wochen! Es sind nur Wochen, bis ich zurück aufs Rad kann. Ich werde viel mit den Physios arbeiten, mich ein wenig erholen und dann hoffen, dass ich so schnell wie möglich wieder in Form komme.
Klingt nicht so, als hättest du die Saison schon abgehakt.
Maxim Van Gils: Natürlich nicht! Sie hat ja gerade erst begonnen. Ich kann jetzt vier bis sechs Wochen nicht viel machen. Aber das ist ja fast wie in der Winterpause. Den November habe ich pausiert, nichts gemacht. Und dann: Dezember, Januar - zweieinhalb Monate später bin ich schon wieder nah an der Topform. Ich habe noch reichlich Zeit, es kommen noch viele schöne Rennen.
Für die Ardennen wird es aber nicht reichen.
Maxim Van Gils: Nein, das stimmt. Und das ist schade, denn damit verpasse ich meine Lieblingsrennen jetzt zum zweiten Mal in Folge. Genau wie Strade. Aber nächstes Jahr komme ich zurück. Und vorher wartet noch eine zweite Saisonhälfte auf mich!