Am letzten Anstieg der diesjährigen Tour of the Alps fuhr Giovanni Aleotti an der Spitze des Feldes eine letzte harte Führung – und scherte dann aus. Giulio Pellizzari zog vorbei, riss eine Lücke auf und gab sie nicht mehr her. Das Ergebnis dieser entscheidenden Attacke: einer der wichtigsten Rundfahrtsiege von Red Bull – BORA – hansgrohe in diesem Frühjahr.
Was die Bilder nicht zeigten: Aleottis und Pellizzaris Karrieren führten einst über dasselbe Rennen. 2019 wurde Aleotti Gesamtzweiter der Tour de l'Avenir, dem wichtigsten U23-Etappenrennen im Kalender, hinter Tobias Foss. 2023 belegte Pellizzari denselben Platz, hinter Isaac del Toro. Beide fuhren zwei Jahre später in der WorldTour – und in diesem April machten sie daraus gemeinsam einen Rundfahrtsieg für dasselbe Team.
Dass der Radsport beide beim selben Rennen entdeckt hat, ist dabei kein Zufall. Seit Generationen ist die Tour de l’Avenir der Startschuss für große WorldTour-Karrieren. Nicht selten wird sie aufgrund dieser Bedeutung im Rennkalender auch als Tour de France der U23 bezeichnet. Die folgenden fünf Gründe erklären, warum das Rennen so viel Gewicht hat.
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1. Eine von zwei “Grand Tours” im U23-Kalender
Die meisten einwöchigen Etappenrennen im U23-Bereich entscheiden sich an einem einzigen Anstieg. Die diesjährige Tour de l'Avenir führt unter anderem über drei Tage in die Alpen. Das Bergzeitfahren von Les Carroz nach Flaine ist nur 16 Kilometer lang, führt aber über 760 Höhenmeter und endet auf Schotter. Die Königsetappe misst 149 Kilometer bei 4.945 Höhenmetern und endet am Col de l'Iseran – mit 2.764 Metern einer der höchsten asphaltierten Pässe Europas. Am Schlusstag geht es hinauf zum Lago Serrù auf über 2.200 Meter. Und schon davor steht eine 232 Kilometer lange Etappe von der Loire ins Burgund auf dem Programm. Kein anderes Rennen im Espoirs-Kalender stellt vergleichbare Fragen. Zusammen mit dem Giro Next Gen gilt die Tour de l'Avenir damit als eine von zwei Grand Tours im U23-Kalender.
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2. Die Siegerliste liest sich wie eine Ehrentafel der Tour de France
Felice Gimondi gewann 1964, Joop Zoetemelk 1969, Greg LeMond 1982, Miguel Indurain 1986. Alle vier gewannen später die Tour de France. Ebenso Egan Bernal, der 2017 triumphierte, und Tadej Pogačar, der 2018 als Teenager gewann – zu einem Zeitpunkt, als ihn außerhalb der U23-Szene niemand einordnen konnte. Nairo Quintana siegte 2010. Allein in den vergangenen drei Ausgaben gewannen Isaac del Toro, Joseph Blackmore und Paul Seixas – alle drei fahren heute in der WorldTour. Kurzum: Das Rennen macht Talent früh für eine große Öffentlichkeit sichtbar.
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3. Man muss nicht gewinnen, um entdeckt zu werden
Dieser Punkt geht oft unter. Das Podium der Avenir war über die Jahre hinweg ein ebenso verlässlicher Indikator für eine WorldTour-Karriere wie das Siegertrikot allein. Red Bull – BORA – hansgrohe hat zwei Beispiele in den eigenen Reihen: Giovanni Aleotti wurde 2019 Zweiter – vor Ilan Van Wilder. Seitdem hat er die Tour of Slovenia gewonnen und sich zu einem der verlässlichsten Helfer des Teams in den Bergen entwickelt. Giulio Pellizzari wurde 2023 Zweiter – vor Davide Piganzoli. Seitdem stehen eine Vuelta-Etappe und der Gesamtsieg bei der Tour of the Alps in seinem Palmarès.
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4. Die Ausgabe 2026 schreibt die Regeln neu
Seit 2007 war die l’Avenir ein Rennen der Nationalmannschaften und Teil des UCI Nations Cup. In diesem Jahr hat der Veranstalter A-VELO das Rennen als 2.2U-Espoirs-Rennen neu klassifizieren lassen und es damit für die Development-Teams von WorldTeams und ProTeams geöffnet. 17 Development-Teams sind am Start – darunter die Red Bull – BORA – hansgrohe Rookies. Sie treten gemeinsam mit den Nationalauswahlen aus Frankreich, Italien, Deutschland, Norwegen und den USA an – für die Rookies eine große Gelegenheit, sich auf der U23-Weltbühne zu präsentieren.
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5. Für die Rookies ist es eine der wichtigsten Wochen des Jahres
Die Red Bull – BORA – hansgrohe Rookies reisen als Mitfavoriten in die Normandie. Lorenzo Finn (Italien) – seines Zeichens amtierender U23‑Weltmeister – hat in diesem Frühjahr bereits den Giro Next Gen gewonnen. Davide Donati (Italien) holte sich den Sieg bei Paris-Roubaix Espoirs. Und Paul Fietzke fuhr zum deutschen U23-Meistertitel. Um sie herum fährt eine Mannschaft, die das ganze Jahr daran gearbeitet hat, als Einheit zu fahren – motiviert, den gleichen Weg wie ihre WorldTour-Teamkollegen Giovanni Aleotti und Giulio Pellizzari zu gehen.
Womit wir zurück auf jener Bergstraße in den Alpen im April wären. Aleotti lancierte, Pellizzari machte den Rest und der Sieg ging ans Team. Die Geschichte des Rennens spricht dafür, dass jemand aus dem diesjährigen Feld – ein Etappensieger, ein Zweitplatzierter oder ein Fahrer, der am Iseran in die Top Ten fährt – in ein paar Jahren etwas Ähnliches im WorldTour-Trikot tun wird. Genau das macht die Tour de l’Avenir so sehenswert.