U19
Enzo Hincapie: Zehnmal die Rampe zur Ziellinie
Enzo Hincapie ist in einer Radsportfamilie groß geworden, den entscheidenden Schritt für seine eigene Karriere macht er gerade selbst. Heute bestreitet er das WM-Rennen der Junioren in Montréal.
Die Ziellinie liegt bei den diesjährigen Straßen-Weltmeisterschaften in Kanada für alle Rennen an derselben Stelle: auf der Avenue du Parc, wo die Straße am Fuß des Mount Royal mit rund vier Prozent ansteigt. Enzo Hincapie hat diese Rampe am Dienstag bereits einmal erlebt – am Ende des Einzelzeitfahrens über 20,3 Kilometer, das der junge US-Amerikaner auf Rang zwölf beendete. Heute erwartet sie ihn zehnmal – als Abschluss jeder Runde des WM-Straßenrennens der Junioren. Hincapie, Teil des Red Bull – BORA – hansgrohe Junioren-Teams grenke – Auto Eder, gehört dabei zum erweiterten Kreis der Anwärter auf eine Medaille.
01
Das WM-Rennen: Hart und aggressiv
Insgesamt erwarten 134 Kilometer und rund 2.690 Höhenmeter die U19-Fahrer – flache Passagen zum Durchatmen Fehlanzeige. Prägend für den Kurs ist der Anstieg der Voie Camillien-Houde: 2,3 Kilometer mit durchschnittlich 6,2 Prozent, die vom Stadtzentrum auf den Mount Royal führen. Oben folgt der Chemin de la Polytechnique mit Rampen von über elf Prozent, ehe es zurück in die Stadt und über die ansteigende Avenue du Parc ins Ziel geht.
Die Wiederholung macht es mit jeder Runde härter. Ich erwarte ein sehr hartes und aggressives Rennen.
Insgesamt 269 Höhenmeter kommen so pro Runde zusammen – Werte, die einzeln niemanden schrecken, in der zehnfachen Wiederholung aber gnadenlos sind. Und die auch im Juniorenradsport nicht oft erreicht werden. „Am Ende geht es weniger um einen einzelnen Berg als darum, wer am meisten leiden kann“, sagt Hincapie. „Die Wiederholung macht es mit jeder Runde härter. Ich erwarte ein sehr hartes und aggressives Rennen.“
02
Der Weg zur WM: Stark bei Eintagesrennen
Genau dieses Profil kommt ihm entgegen. Bei seinen Rennauftritten in Europa hat sich der 18-Jährige vor allem in langen, harten Eintagesrennen hervorgetan: Platz sechs bei Paris-Roubaix Juniors, eine Top-Ten-Platzierung beim E3-Juniorenrennen und Rang zwei beim Gran Premi Les Franqueses in Spanien, wo über 138 Kilometer ein ganz ähnlich welliger Rundkurs zu bewältigen war. Dass er ein solches Rennen auch von vorne entscheiden kann, hat er im Juni bewiesen: Bei den US-Meisterschaften in Charleston attackierte Hincapie in der fünften von sieben Runden, fuhr allein davon und gewann nach 101,5 Kilometern mit 50 Sekunden Vorsprung den nationalen Junioren-Titel – der erste US-Meistertitel überhaupt für Red Bull – BORA – hansgrohe.
03
Der Fahrer: Von den USA nach Europa
Radsport gehört in Hincapies Familie dabei zum Alltag, seit er denken kann. Vater George Hincapie war einer der besten Klassikerfahrer seiner Generation, gehörte über Jahre zum engeren Favoritenkreis bei Paris-Roubaix und der Flandernrundfahrt – und war 2010 und 2011 beim Grand Prix Cycliste de Montréal am Start, auf genau jenem Rundkurs, der heute über die WM-Medaillen entscheidet. Der Name öffnet Türen und erzeugt Erwartungen, mit denen ein 18-Jähriger erst einmal umgehen muss. Hincapie macht das unaufgeregt: Er verweist selten auf die Herkunft, verleugnet sie aber auch nicht. Die entscheidenden Schritte hat er ohnehin selbst gemacht – und sie haben ihn zu einem der hoffnungsvollsten Talente im US-Radsport gemacht.
Wenn man jung ist, schaut man zu den Fahrern auf, die ihr Land bei einer Weltmeisterschaft vertreten. Teil dieses Teams zu sein und das Trikot zu tragen, ist deshalb etwas Besonderes.
Das Trikot der US-Nationalmannschaft, das er heute trägt, bedeutet ihm jedenfalls viel. „Für die USA zu starten, ist eine große Sache für mich“, erzählt Hincapie. „Wenn man jung ist, schaut man zu den Fahrern auf, die ihr Land bei einer Weltmeisterschaft vertreten. Teil dieses Teams zu sein und das Trikot zu tragen, ist deshalb etwas Besonderes.“ Dass die Titelkämpfe in Nordamerika stattfinden, sieht er weniger als sportlichen Vorteil, sondern als mentalen: „Ob das generell ein Vorteil ist, weiß ich nicht. Aber es ist nah an zu Hause, und viele Freunde und Familienmitglieder können herkommen und mich fahren sehen.“
04
Das Ziel: Alles geben
Entsprechend ruhig verliefen die vergangenen Wochen, in denen er sich in seiner Heimat – unter anderem zusammen mit seinem Teamkollegen Julius Løvstrup Birkedal – auf die WM vorbereitete. „Das Wichtigste war, frisch und trotzdem spritzig hier anzukommen“, erklärt Hincapie. „Ich habe viel spezifisch für die Anforderungen des Rennens gearbeitet. In den vergangenen Tagen ging es daher vor allem um Regeneration, gutes Essen, guten Schlaf – und darum, mental wach zu bleiben. Die Arbeit ist gemacht. Jetzt muss ich sie nur noch abrufen.“ Nervosität gehöre vor einer WM dazu, sagt er, überwiegen würde aber die Vorfreude aufs Rennen.
Seinen Maßstab für diese Weltmeisterschaft hat Hincapie früh festgelegt, das Zeitfahren am Dienstag hat daran nichts geändert. „Ich möchte beide Rennen mit dem Gefühl beenden, alles gegeben zu haben“, sagt er. „Natürlich habe ich Ziele, was Ergebnisse angeht, aber ich will mir nicht zu viel Druck machen. Wenn ich das Rennen gut umsetze, aggressiv fahre und am Ende weiß, dass ich draußen alles gelassen habe, bin ich zufrieden.“ Eine Gelegenheit bleibt ihm dafür: zehn Runden, zehnmal die Rampe auf der Avenue du Parc – und beim letzten Mal die Ziellinie.
Teil dieser Story