Giulio, du hast die Tour of the Alps gewonnen. Was bedeutet dir dieser Sieg?
Vor der Schlussetappe hast du gesagt, dass dieses Rennen nicht über Bonussekunden entschieden wird, sondern über Abstände. Genauso ist es gekommen. Wann hast du gespürt, dass du gewinnen kannst?
Unser Plan war klar: das Rennen hart machen und den Unterschied in den Bergen machen. Als ich meine Chance gesehen habe, bin ich gegangen. Als ich attackiert habe und sofort eine Lücke aufging, dachte ich: Jetzt oder nie. Die anderen konnten den Abstand zunächst bei zehn, 15 Sekunden halten. Da wusste ich, dass ich alles geben muss.
Wie hast du die entscheidende Phase am letzten Anstieg erlebt?
Der erste Anstieg wurde schon sehr hart gefahren. Jayco und später auch Ineos haben viel Druck gemacht, aber eigentlich war das gut für mich. Denn ich wusste, dass wir auf dem ersten Anstieg hart fahren mussten, um auf dem zweiten finalen Anstieg den Unterschied machen zu können. Dort hat Giovanni Aleotti dann einen fantastischen Job gemacht. Als er mich lanciert hat, habe ich voll bis oben durchgezogen.
Auf der Abfahrt bist du danach weiter volles Risiko gegangen. War das geplant?
Ich wollte vor allem auf dem Flachstück oben nach dem Anstieg den Abstand vergrößern. Aber ich habe auch bergab maximal gedrückt, weil ich diesen Sieg unbedingt wollte. Vielleicht bin ich in ein paar Kurven etwas zu viel Risiko gegangen, einige habe ich auch nicht perfekt getroffen. Aber ich wusste, dass ich bis zur Ziellinie weiterfahren musste.
Ich hatte während der ganzen Tour of the Alps sehr viel Unterstützung gespürt. Das hat mir zusätzliche Motivation gegeben.
Die letzten zwei Kilometer konntest du dann genießen. Was ging dir durch den Kopf?
Du bist mit dem Ziel zur Tour of the Alps gekommen, dich für den Giro zu testen. Was hat dir dieses Rennen gegeben?
Wir kamen mit der Mannschaft hierher, um auf langen Anstiegen zu trainieren und zu verstehen, was mir für den Giro d’Italia noch fehlt. Am Anfang der Rundfahrt hatte ich noch nicht diese volle Sicherheit. Aber Tag für Tag wurde es besser. Dieser Sieg gibt mir und uns als Team nun viel Selbstbewusstsein mit Blick auf den Giro. Wir haben gezeigt, dass wir eine starke Mannschaft sind und bereit sein können, dort gut zu fahren.
Du hast bei der Tour of the Alps drei Tage lang das Leadertrikot verteidigt. Was hast du dabei über dich gelernt?
Es ist ein großer Unterschied, ob man als Helfer in ein Rennen geht oder als Leader. Im vergangenen Jahr war ich meistens Helfer. Da startest du und denkst: Ich hoffe, ich kann heute gut performen. Dieses Mal hatte ich keine Wahl. Ich musste performen. Wenn ein Team so aufopferungsvoll für dich arbeitet, willst du nicht einfach sagen: Ich habe heute keine Beine. Du willst alles geben.
Sowohl die Fahrer als auch der Staff geben sehr wirklich viel für mich. Deshalb wollte ich auch für sie gewinnen.
Hat dich diese Verantwortung verändert?
Ich beginne zu verstehen, was es bedeutet, Leader zu sein. Es ist beeindruckend zu sehen, was die Mannschaft für mich macht. Sowohl die Fahrer als auch der Staff geben sehr wirklich viel für mich. Deshalb wollte ich auch für sie gewinnen, weil sie während der ganzen Woche unglaubliche Arbeit geleistet haben.